Wessam und seinen Sohn Hazim habe ich in Idomeni kennengelernt. Zwei aufgeweckte, herzliche und intelligente Menschen. Zwei Menschen, die man einfach auf Anhieb mag, die man gerne um sich herum hat.

 

 

Wessams Bruder, Schwester und Mutter sind bereits in Deutschland, von daher war das Ziel ihrer Reise klar, als sie in Syrien gestartet sind.
Inzwischen ist Hazim auf verschlungenen Pfaden nach Deutschland gekommen und Wessam lebt alleine in einem Camp in der Nähe von Thessaloniki. Das Camp befindet sich in einer alten Fabrikhalle. Die UNHCR Zelte stehen direkt auf dem Betonboden…

Klar könnte man jetzt sagen: „Er ist in Sicherheit, bekommt zu Essen und hat ein Dach über dem Kopf.“ Aber was macht das mit Dir, wenn Deine Frau und Deine anderen Kinder immer noch in Syrien sind und dort Nachts die Bomben fallen? Und das nicht abstrakt „in der Nähe“, sondern konkret direkt neben Deinem Haus… Das Bild von Wessam ist am Tag nach einer Bombardierung seiner Heimatstadt entstanden. Zum Glück wurde niemand aus seiner Familie verletzt. Unter den Toten waren aber Menschen, die er gekannt, gemocht, geliebt hat.

 

Aufgrund des umständlichen Prozederes (eine sehr wohlwollende Umschreibung für das kaputte System) wird es wohl etwa ein Jahr dauern, bis Wessam und seine Frau in Deutschland bei ihrem Sohn und dem Rest der Familie sind. In der Zwischenzeit wird er weiterhin nicht arbeiten können, in einem Zelt in einer alten Fabrikhalle aufwachen, sich zwischen kalter Dusche oder keinem Wasser entscheiden müssen und mit seinem Smartphone die Nachrichten aus der Heimat verfolgen. Diese 365 Tage werden sich vermutlich wie ein Gefängnis anfühlen, zur Untätigkeit gezwungen, nicht in der Lage an der eigenen Situation großartig etwas ändern zu können. Ein Gefühl, das von uns vermutlich kaum einer nachvollziehen kann. Auch ich stoße da an meine Empathiegrenzen.

 

Die Erfahrungen in Idomeni und Thessaloniki haben viel mit mir gemacht. Ich sehe inzwischen meine Privilegien deutlicher. Mir fällt auf, dass wir im Alltag wenig nach einander schauen. Ich sehe die Abgrenzung, die wir schaffen. Und zu sehen, wie schwer es diesen Menschen dort vor Ort gemacht wird, tut mir unheimlich weh.

Ich wünsche mir eine Welt in der niemand fliehen muss. Und so lange es diese Welt nicht gibt, werde ich mich dafür einsetzen, dass Europa zu einer lebenswerten neuen Heimat für diese Menschen werden kann.

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